Leseprobe 2. Auflage

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Impressum

Siegfried Genreith
Bewusstsein, Zeit und Symmetrien

(Das eigentliche Modell zum Buch ist vollst√§ndig in englischer Sprache unter Dual Reality zusammen mit einer Simulation/Java-Applet auf den weiteren Seiten verf√ľgbar. Es setzt zum Verst√§ndnis allerdings eine umfassende mathematische Ausbildung voraus.)

Es war der erste Hype, an den ich mich erinnere und der mein Berufsleben an seinem Anfang gepr√§gt hat. Er entstand mit dem Aufkommen der Personal Computer in den achtziger Jahren rund um die k√ľnftigen M√∂glichkeiten immer h√∂herer Rechnerleistungen. Auch diese Blase wurde gen√§hrt durch Erwartungen von Kaufleuten und Investoren, die keinen wirklichen Bezug zu dem Thema hatten, in das sie investierten. Basierend auf Vermutungen und Fehleinsch√§tzungen schaukelten sie sich gegenseitig in ihren Tr√§umen um exorbitante Gewinne hinauf in schwindelnde H√∂hen. Jeder wollte, jeder musste dabei sein. Wer sich als Manager oder Investor dem Sog widersetzte, lief Gefahr, als r√ľckst√§ndiger Spinner betrachtet zu werden. Im Vergleich zu den Blasen, deren Platzen seither immer einmal wieder Wirtschaft und Finanzm√§rkte ersch√ľttern, war dies allenfalls eine unauff√§llige Ausbeulung in den Erwartungen vieler Menschen weltweit. Zun√§chst ein Thema f√ľr Wissenschaftler, Entwickler, Programmierer, flossen vor allem in der zweiten H√§lfte des Jahrzehnts erhebliche Investitionen der Wirtschaft in dieses Segment. Die "Artificial Intelligence" – "K√ľnstliche Intelligenz" (KI)in der deutschen √úbersetzung – erhob den Anspruch, menschliches, intelligentes Entscheidungsverhalten auf Automaten zu √ľbertragen.

Als die Blase Anfang der neunziger Jahre platzte – mit Firmenpleiten und abgeschriebenen Investitionen in erheblichem Umfang – war klar, dass dieses selbst gesteckte Ziel in weiter Ferne lag. Offenbar lag die wahre Natur echter intelligenter Informationsverarbeitung noch im Dunkel. Was nach dem Hype blieb war ein Fundament aus Methoden und IT-Architekturen, das bis heute die Entwicklung moderner Software pr√§gt: Objektorientierung, Regelbasierte Systeme, Integration verteilter Komponenten √ľber Ereignisse und Nachrichten sind nur einige Elemente daraus, die immer noch Kennzeichen guten Programmdesigns sind.

Bis heute – √ľber zwanzig Jahre danach – wurden keine fundamentalen Fortschritte erzielt im grunds√§tzlichen Verst√§ndnis nat√ľrlich intelligenten Handelns. Zwar sind die Rechner um Zehnerpotenzen schneller als damals und erm√∂glichen den Betrieb immer komplexerer KI-Modelle. Die Robotik hat mit der schnell voranschreitenden Miniaturisierung immense Fortschritte gemacht. Die Linguistik ist Welten vom damaligen Zustand entfernt. Heute ist man in der Lage, die Komplexit√§t eines Katzenhirns in einem IT-System zu simulieren, das menschliche Gehirn ist in Reichweite. Der urspr√ľngliche Anspruch aber, damit echte Intelligenz oder eigenst√§ndiges Bewusstsein zu schaffen, wurde leise fallen gelassen und ist heute eher ein Unthema, mit dem ernsthafte Wissenschaftler sich nicht befassen sollten. Bewusstsein als zentrales Thema zu diskutieren ist heute nur in Philosophie, Psychologie oder Theologie m√∂glich.

Der Versuch einer fundamentalen Auseinandersetzung mit dem Ph√§nomen Intelligenz wurde auch von den Naturwissenschaften gemacht mit √§hnlich frustrierenden Ergebnissen wie in der Informatik. Wie entsteht Intelligenz? Ist dies ein Ergebnis blo√üer Komplexit√§t oder fehlt noch Grunds√§tzliches im Modell? Gibt es im naturwissenschaftlichen Sinne √ľberhaupt so etwas wie Bewusstsein? Weltbekannte Wissenschaftler wie Werner Heisenberg, Wolfgang Pauli, Niels Bohr, Erwin Schr√∂dinger und Albert Einstein pflegten noch bis in die f√ľnfziger Jahre des letzten Jahrhunderts hinein einen regen Austausch in solch fundamentalen Fragen unserer Existenz.

Um im Verst√§ndnis intelligenten Handelns substantiell voranzukommen reicht es offenbar nicht, vorhandene Modelle weiterzuf√ľhren. In allen hierbei relevanten Wissenschaften sind Vorstellungen und Verfahren zu hinterfragen – und dies in sehr grunds√§tzlicher Weise.

Ich nehme sie mit auf eine Reise durch verschiedene Disziplinen menschlichen Wissens, stelle offene Fragen heraus, weise auf Widerspr√ľche hin, und f√ľge die Puzzle-Steine aus vorliegendem Wissen in ein neues, erstaunliches Bild von Intelligenz, Bewusstsein und der Realit√§t um uns herum.

Leider l√§sst es sich nicht vermeiden, dass der Weg dorthin an einigen Stellen steinig und steil wird und dem Leser einiges abverlangt. √úberall dort, wo die Zumutbarkeitsgrenze √ľberschritten zu werden droht, weise ich sie auf Abk√ľrzungen hin, die sie nehmen k√∂nnen, ohne zu viel an Verst√§ndnis dadurch einzub√ľ√üen. In jedem Fall sollten die Dialoge zwischen S. und W. allgemein verst√§ndlich sein, die in den meisten Kapiteln auf anschauliche Weise an die jeweilige Fragestellung heranf√ľhren. Das Thema insgesamt ist sehr komplex und Vereinfachungen sto√üen manchmal an Grenzen, jenseits derer die dort vermittelten Bilder irref√ľhrend und letztendlich sogar falsch w√§ren.

Deshalb bitte ich sie schon jetzt um Nachsicht f√ľr alle Zumutungen, mit denen ich sie m√∂glicherweise auf dem Weg konfrontiere.

 

BZuS Wordle